Eine VEFK zu benennen, die gleichzeitig Produktionsleiter, Instandhaltungschef oder Einkäufer ist — das klingt nach einer pragmatischen Lösung. In der Praxis ist es häufig eine Haftungsfalle, die niemand offen ausspricht.
Ich erlebe es regelmäßig: Unternehmen suchen nach einer Möglichkeit, die Anforderungen der DGUV Vorschrift 3 organisatorisch zu erfüllen — und landen dabei bei der internen Doppelfunktion. Jemand aus dem Betrieb bekommt die VEFK-Bestellung, trägt die Verantwortung für die elektrische Sicherheit — und macht nebenbei seinen eigentlichen Job weiter. Auf dem Papier ist die Stelle besetzt. In der Realität beginnen hier die Probleme.
In diesem Artikel übersetze ich für Sie, was DGUV, TRBS 1203 und das Arbeitsrecht konkret von einer VEFK fordern — und warum die VEFK Doppelfunktion diesen Anforderungen strukturell oft nicht gerecht werden kann.
Was die VEFK Doppelfunktion rechtlich bedeutet
Die Bestellung zur Verantwortlichen Elektrofachkraft ist keine Titelvergabe. Es handelt sich um eine Pflichtenübertragung im Sinne des §13 ArbSchG und der BGV A1. Wer zur VEFK bestellt wird, übernimmt damit delegierte Unternehmerpflichten — mit vollem rechtlichem Gewicht.
Das bedeutet konkret: Die VEFK ist gegenüber Behörden, Berufsgenossenschaft und im Schadensfall persönlich verantwortlich für die ordnungsgemäße Organisation der elektrotechnischen Sicherheit im Betrieb. Diese Verantwortung endet nicht, wenn das Tagesgeschäft ruft.
Rechtlicher Rahmen auf einen Blick:
§13 ArbSchG — Pflichtenübertragung auf Führungskräfte
BGV A1 §13 — Verantwortliche im Betrieb
DGUV Grundsatz 303-001 — Auswahl, Bestellung und Aufgaben der VEFK
TRBS 1203 — Anforderungen an befähigte Personen
Was der DGUV Grundsatz 303-001 wirklich fordert
Der DGUV Grundsatz 303-001 ist das zentrale Regelwerk für die VEFK. Er beschreibt nicht nur, wer als VEFK in Frage kommt, sondern auch unter welchen Bedingungen die Funktion wirksam ausgeübt werden kann. Drei Anforderungen stechen dabei heraus:
1. Fachliche Eignung: Die VEFK muss eine abgeschlossene elektrotechnische Ausbildung sowie ausreichende Berufserfahrung mitbringen. Das ist in der Praxis bei internen Kandidaten oft erfüllt.
2. Zeitliche Kapazität: Die VEFK muss in der Lage sein, ihre Aufgaben tatsächlich wahrzunehmen. Dazu gehören die Gefährdungsbeurteilung, die Organisation von Prüfungen, die Unterweisung von Mitarbeitern und die laufende Überwachung. Wenn diese Aufgaben strukturell im Konflikt mit einer anderen Vollzeitstelle stehen, ist die zeitliche Kapazität nicht gegeben.
3. Weisungsbefugnis: Die VEFK benötigt die organisatorische Stellung, um Anordnungen zur elektrischen Sicherheit durchsetzen zu können — auch gegen Widerstände. Wer gleichzeitig in einer anderen Hierarchie eingebunden ist, kann hier in Interessenkonflikte geraten.
Ein Instandhaltungsleiter wird zur VEFK bestellt. Er kennt die Anlagen, hat die Ausbildung — soweit passt es. Doch in der Produktion brennt täglich die Luft. Prüffristen laufen ab, weil kein Termin frei ist. Eine Unterweisung wird auf nächsten Monat verschoben. Dann passiert ein Unfall. Die Berufsgenossenschaft fragt nach der Gefährdungsbeurteilung, nach Prüfnachweisen, nach Unterweisungsdokumenten. Der Instandhaltungsleiter steht persönlich im Fokus — nicht als Instandhaltungsleiter, sondern als bestellte VEFK.
VEFK Doppelfunktion: Wo das Konstrukt in der Praxis scheitert
Das Problem ist kein theoretisches. Ich übersetze Normendeutsch in verständliche Handlungsanweisungen, die jeder versteht — und in der Praxis zeigt sich immer wieder dasselbe Muster: Die Doppelfunktion funktioniert so lange, bis etwas passiert.
Folgende Situationen machen das Konstrukt besonders anfällig:
Prüffristen werden nicht eingehalten, weil das operative Tagesgeschäft Priorität hat. Die Prüfpflichten nach VDE 0105 bleiben auf der Strecke.
Unterweisungen werden verschoben, weil weder Zeit noch Kapazität vorhanden sind — obwohl die Pflicht zur jährlichen elektrotechnischen Unterweisung klar geregelt ist.
Die Gefährdungsbeurteilung ist veraltet, weil niemand die Kapazität hatte, sie nach Anlagenänderungen zu aktualisieren.
Im Schadensfall prüft die Staatsanwaltschaft nicht, ob jemand „eigentlich keine Zeit hatte". Sie prüft, ob die Pflichten erfüllt wurden — und wer dafür verantwortlich war.
Wichtig zu verstehen: Die Bestellung zur VEFK reduziert nicht die Haftung des Unternehmers — sie ergänzt sie. Wenn die VEFK ihre Aufgaben nachweislich nicht erfüllen konnte, weil sie strukturell daran gehindert wurde, kann das Organisationsverschulden auf die Geschäftsführungsebene zurückfallen.
Wann eine externe oder freigestellte VEFK sinnvoller ist
Es gibt Betriebsgrößen und Konstellationen, in denen eine interne VEFK mit Doppelfunktion vertretbar ist — dann nämlich, wenn der elektrotechnische Anteil der Arbeit tatsächlich einen Großteil der Arbeitszeit ausmacht und die Zusatzaufgaben klar nachgeordnet sind.
In den meisten Fällen, die ich in der Beratung antreffe, ist es umgekehrt: Die VEFK-Funktion ist die Zusatzaufgabe — und wird entsprechend behandelt.
Alternativen, die ich für meine Klienten regelmäßig strukturiere:
Externe VEFK auf Vertragsbasis: Eine qualifizierte Fachkraft übernimmt die Funktion als externer Dienstleister, ohne in die betriebliche Hierarchie eingebunden zu sein. Weisungsunabhängig, zeitlich klar geregelt, dokumentiert.
Interne Freistellung: Eine interne Person wird anteilig oder vollständig für die VEFK-Tätigkeit freigestellt — mit klarer Stellenbeschreibung, Weisungsbefugnis und ausreichender Kapazität.
Begleitendes Unterstützungssystem: Eine interne VEFK wird durch externe Beratung entlastet — bei der Gefährdungsbeurteilung, der Dokumentation und der Organisation der Prüfprozesse.
Häufige Fragen zur VEFK Doppelfunktion
Ist eine VEFK mit Doppelfunktion grundsätzlich verboten?
Wer haftet, wenn die VEFK ihre Aufgaben nicht erfüllen konnte?
Wie viel Zeit sollte eine VEFK für ihre Aufgaben einplanen?
Kann ich die VEFK-Aufgaben an einen externen Dienstleister übertragen?
Was passiert bei einer DGUV-Prüfung, wenn die Dokumentation fehlt?
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