Elektrische Gefährdungen zählen zu den unterschätztesten Risiken im Betrieb und im Alltag – unsichtbar, geruchlos und oft erst spürbar, wenn es zu spät ist. Dieser Beitrag zeigt Ihnen die Ursachen, die möglichen Folgen und die wirksamen Schutzmaßnahmen gegen elektrische Gefährdungen.
Elektrische Gefährdungen – ein Risiko, das man nicht sieht
Elektrische Gefährdungen sind im Alltag allgegenwärtig – im Haushalt, im Büro, in der Werkstatt und ganz besonders in der betrieblichen Praxis. Anders als bei vielen anderen Gefahrenquellen sieht, riecht und hört man elektrischen Strom nicht. Genau das macht ihn so gefährlich: Die Bedrohung bleibt unsichtbar, bis ein Kontakt entsteht – und dann kann es sehr schnell sehr ernst werden. Als Elektromeister und verantwortliche Elektrofachkraft begegnen mir elektrische Gefährdungen seit über 30 Jahren in der betrieblichen Praxis, und ich kann Ihnen aus Erfahrung sagen: Die meisten Stromunfälle sind vermeidbar, wenn Ursachen bekannt und Schutzmaßnahmen konsequent umgesetzt sind.
In diesem Beitrag erfahren Sie, wie elektrische Gefährdungen entstehen, welche Folgen ein Stromschlag haben kann, was die rechtlichen Grundlagen für den Arbeitsschutz sind und mit welchen konkreten Maßnahmen Sie sich und Ihre Mitarbeiter wirksam schützen.
Die zwei elektrischen Primärgefährdungen sind die Körperdurchströmung (elektrischer Schlag) und der Störlichtbogen. Beide können einzeln oder gemeinsam auftreten – welche Gefährdung dominiert, hängt von der Höhe der Spannung ab.
Wie entstehen elektrische Gefährdungen? Die häufigsten Ursachen
Ein Stromunfall passiert, wenn elektrischer Strom durch den menschlichen Körper fließt. Das geschieht typischerweise in folgenden Situationen:
- Defekte Geräte oder Leitungen berühren: Ein beschädigtes Kabel, eine lockere Klemme oder ein defekter Schalter reichen aus, um eine elektrische Gefährdung entstehen zu lassen.
- Kontakt mit unter Spannung stehenden Teilen: Offene Sicherungskästen, freiliegende Leitungen oder defekte Steckdosen sind klassische Gefahrenquellen.
- Berühren spannungsführender metallischer Gegenstände: Etwa ein Heizkörper, der durch einen defekten Isolator unter Spannung steht.
- Kontakt mit Freileitungen: Freileitungen führen hohe Spannungen und verursachen im Ernstfall schwere Verbrennungen und Stromschläge.
Hinzu kommt der Faktor Mensch: Unachtsamkeit und falsches Verhalten sind eine der häufigsten Ursachen für elektrische Gefährdungen im Alltag. Dazu zählen etwa das Hantieren mit nassen Händen an elektrischen Geräten, das Aufsuchen von Schutz unter Bäumen bei Gewitter oder Reparaturversuche ohne elektrotechnische Fachkenntnis.
Eine erhöhte elektrische Gefährdung liegt in Bereichen mit begrenzter Bewegungsfreiheit vor – etwa bei räumlicher Enge, Zwangshaltung oder in leitfähiger, feuchter Umgebung. Diese Situationen erfordern besondere Schutzmaßnahmen und müssen in der Gefährdungsbeurteilung gesondert berücksichtigt werden.
Ab wann wird Strom gefährlich? Stromstärke und Wirkung auf den Körper
Nicht die Spannung allein entscheidet über die Gefahr, sondern die Stromstärke, die tatsächlich durch den Körper fließt – abhängig von Spannung und Körperwiderstand. Grobe Richtwerte für Wechselstrom (50 Hz) zeigt die folgende Tabelle:
| Stromstärke | Mögliche Wirkung |
|---|---|
| 1–5 mA | Erstes spürbares Kribbeln, leichter Reiz |
| ab 8–10 mA | Loslassschwelle: Muskelkrämpfe, Festhalten am stromführenden Teil wird möglich |
| ab 25 mA | Herzrhythmusstörungen möglich |
| 30–50 mA | Atemstillstand durch Verkrampfung der Atemmuskulatur möglich |
| über 50 mA | Hohe Wahrscheinlichkeit für Herzkammerflimmern und Herzstillstand |
Werte sind grobe Richtwerte für haushaltsübliche Wechselspannung. Individuelle Faktoren wie Hautfeuchtigkeit, Kontaktfläche, Einwirkdauer und Konstitution beeinflussen das tatsächliche Risiko erheblich – bereits deutlich niedrigere Werte können im Einzelfall gefährlich sein.
Welche Folgen kann ein Stromschlag haben?
Fließt elektrischer Strom durch den Körper, hängt das Ausmaß der Schädigung von Stromstärke, Spannung, Einwirkdauer und dem Weg des Stroms durch den Körper ab. Mögliche Folgen elektrischer Gefährdungen sind:
- Muskelkrämpfe: Unkontrollierbare Muskelkontraktionen können dazu führen, dass der stromführende Gegenstand nicht mehr losgelassen werden kann.
- Herzrhythmusstörungen: Der Strom kann das Herz aus dem Takt bringen – im schlimmsten Fall bis zum Herzstillstand.
- Verbrennungen: Durch den Stromfluss entstehende Wärme kann Haut und tieferliegendes Gewebe schädigen, bei Hochspannung auch innere Verbrennungen verursachen.
- Nervenschäden: Geschädigte Nervenbahnen können zu Lähmungen oder Sensibilitätsstörungen führen.
- Tod: In schweren Fällen endet ein Stromschlag tödlich.
Besonders tückisch: Die schwersten Schäden sind nicht immer sofort spürbar. Strom kann den Elektrolythaushalt des Körpers verschieben, wodurch sich die Herzfunktion über Stunden hinweg destabilisieren kann. Deshalb gehört nach jedem Stromunfall eine ärztliche Untersuchung dazu – auch wenn die betroffene Person sich augenscheinlich wohlfühlt.
Rechtliche Grundlagen: Wer muss elektrische Gefährdungen beurteilen?
Der Umgang mit elektrischen Gefährdungen ist kein freiwilliges Thema, sondern gesetzlich geregelt. Die zentralen Grundlagen im Überblick:
| Regelwerk | Was es fordert |
|---|---|
| §5 ArbSchG | Gefährdungsbeurteilung für alle Arbeitsbedingungen, inklusive elektrischer Gefährdungen |
| DGUV Vorschrift 3 | Sicherer Betrieb elektrischer Anlagen und Betriebsmittel, Prüfpflichten |
| BetrSichV / TRBS | Anforderungen an Bereitstellung und Benutzung von Arbeitsmitteln |
| DIN VDE 0105-100 | Sicherer Betrieb elektrischer Anlagen im praktischen Arbeitsalltag |
Verantwortlich ist zunächst der Unternehmer selbst. In der Praxis delegiert er die elektrotechnische Organisation meist an eine verantwortliche Elektrofachkraft (VEFK), die auf Basis einer aktuellen Gefährdungsbeurteilung Elektrotechnik die notwendigen Schutzmaßnahmen festlegt, dokumentiert und überwacht.
Ohne aktuelle Gefährdungsbeurteilung ist keine normkonforme Schutzmaßnahme möglich – Sie können nur vor Gefährdungen schützen, die Sie zuvor systematisch identifiziert haben. Auch die Betriebsanweisung und die Prüfung nach DGUV Vorschrift 3 bauen darauf auf.
Wie schützt man sich vor elektrischen Gefährdungen?
Es gibt eine ganze Reihe von Maßnahmen, mit denen sich das Risiko elektrischer Gefährdungen deutlich reduzieren lässt:
- Die 5 Sicherheitsregeln beachten: Freischalten, gegen Wiedereinschalten sichern, Spannungsfreiheit feststellen, erden und kurzschließen, benachbarte unter Spannung stehende Teile abdecken oder abschranken. Mehr dazu in meinem Beitrag zu den 5 Sicherheitsregeln der Elektrotechnik.
- Defekte Geräte und Leitungen sofort außer Betrieb nehmen: Beschädigte Kabel, lockere Klemmen oder defekte Schalter sind kein "Kann man noch benutzen" – sie gehören sofort zur Reparatur.
- RCD (Fehlerstromschutzschalter) einsetzen: Ein RCD unterbricht den Stromkreis im Bruchteil einer Sekunde, sobald ein Fehlerstrom auftritt – ein wirksamer Lebensretter.
- Regelmäßige Prüfungen durchführen: Elektrische Anlagen und Betriebsmittel gehören in feste Prüfintervalle, damit Gefahrenquellen frühzeitig erkannt werden.
- Qualifikation sicherstellen: Arbeiten an elektrischen Anlagen gehören ausschließlich in die Hände von Elektrofachkräften – niemals in Eigenregie ohne Fachkenntnis.
Im Betrieb gilt zusätzlich das STOP-Prinzip als Rangfolge der Schutzmaßnahmen: Substitution vor technischen, organisatorischen und zuletzt persönlichen Schutzmaßnahmen. Wer ein Prüfprotokoll für seine Anlagenprüfungen nach DIN VDE 0105-100 sucht, findet dazu eine praxiserprobte Vorlage in meinem Prüfprotokoll-Dokument.
Ein Baustein wird dabei häufig unterschätzt: Nicht nur die 5 Sicherheitsregeln schützen vor elektrischen Gefährdungen, sondern genauso die regelmäßige und dokumentierte Unterweisung Ihrer Mitarbeiter. Das ist keine Kür, sondern nach §12 ArbSchG und DGUV Vorschrift 3 Pflicht des Arbeitgebers – mindestens einmal jährlich, bei neuen Mitarbeitern sowie nach Änderungen an Anlagen oder Arbeitsverfahren sofort. Rechtlich gilt dabei: Was nicht schriftlich nachgewiesen ist, gilt im Ernstfall als nicht durchgeführt. Eine rechtssichere Vorlage für den Nachweis finden Sie in meinem Unterweisungsnachweis.
Erste Hilfe bei einem Stromunfall
Kommt es trotz aller Schutzmaßnahmen zu einem Stromunfall, zählt jede Sekunde – aber der Eigenschutz geht immer vor:
- Eigenschutz an erster Stelle: Nähern Sie sich der betroffenen Person nicht, solange die Stromquelle nicht abgeschaltet ist – auch nicht mit vermeintlich isolierenden Hilfsmitteln.
- Stromkreis unterbrechen: Sicherung ausschalten, Stecker ziehen oder Hauptschalter betätigen – nur wenn dies gefahrlos möglich ist.
- Bei Hochspannungsanlagen: Sicherheitsabstand von mindestens 5 Metern einhalten und ausschließlich Fachpersonal die Stromversorgung unterbrechen lassen.
- Notruf 112 wählen und ausdrücklich mitteilen, dass es sich um einen Stromunfall handelt.
- Erste Hilfe leisten, sobald die Gefahrenquelle sicher abgeschaltet ist: Ansprechbarkeit und Atmung prüfen, ggf. stabile Seitenlage oder Reanimation.
Auch bei Niederspannungsunfällen ohne sichtbare Verletzung gehört eine betroffene Person zur ärztlichen Abklärung – Herzrhythmusstörungen können sich erst Stunden später zeigen.
Die größten No-Gos im Umgang mit Elektrizität
- Arbeiten an elektrischen Anlagen ohne Fachkenntnisse: Reparaturen und Installationen gehören ausschließlich in die Hände qualifizierter Elektrofachkräfte.
- Sicherheitsvorkehrungen ignorieren: Die 5 Sicherheitsregeln, persönliche Schutzausrüstung und regelmäßige Prüfungen dienen dem eigenen Schutz – sie sind keine Formalie.
- Defekte Geräte weiter verwenden: Flackerndes Licht, knisternde Geräusche oder ein unangenehmer Geruch sind klare Warnsignale.
- Elektrizität und Wasser mischen: Niemals mit nassen Händen an elektrischen Geräten hantieren.
Passende Artikel zum Weiterlesen:
- Gefährdungsbeurteilung Elektrotechnik: Anleitung & Pflicht
- Die 5 Sicherheitsregeln der Elektrotechnik – und warum sie Leben retten
- DIN VDE 0105 Teil 100: Sicherer Betrieb elektrischer Anlagen
- Geräteprüfung nach DGUV V3: Pflicht, Fristen, Durchführung
- Betriebsanweisung erstellen: 7 Schritte zur rechtssicheren Anleitung
Häufige Fragen zu elektrischen Gefährdungen
Was versteht man unter elektrischen Gefährdungen?
Welche Arten von elektrischen Gefährdungen gibt es?
Ab welcher Stromstärke ist ein Stromschlag gefährlich?
Was sind die häufigsten Ursachen für Stromunfälle?
Was tun bei einem Stromunfall – wie leiste ich Erste Hilfe?
Wer ist für die Gefährdungsbeurteilung elektrischer Gefährdungen verantwortlich?
Wie kann ich mich im Betrieb vor elektrischen Gefährdungen schützen?
Haben Sie noch Fragen zum Thema elektrische Gefährdungen oder eine konkrete Situation aus Ihrem Betrieb, die Sie beschäftigt? Schreiben Sie sie gerne in die Kommentare – ich beantworte sie so praxisnah wie möglich.
Stellen Sie sich vor, Sie fahren im Winter über eine Straße, die völlig normal aussieht – trocken, unauffällig, harmlos. Doch unter der Oberfläche liegt Blitzeis: unsichtbar, bis das Auto plötzlich die Kontrolle verliert. Genau so verhalten sich elektrische Gefährdungen. Eine Leitung, ein Gehäuse, ein Schalter – alles sieht aus wie immer. Ob darunter Spannung liegt, sehen Sie nicht. Deshalb hilft im Umgang mit Strom kein Bauchgefühl, sondern nur die konsequente Anwendung der 5 Sicherheitsregeln – so wie ein umsichtiger Fahrer im Winter grundsätzlich mit Glätte rechnet, auch wenn die Straße trocken aussieht.
Wer Jens ist? Hier stellt er sich kurz vor – und praktische Werkzeuge finden Sie unter Sicherheits-Tools.
Arbeitssicherheit in spezifischen Bereichen, Rechtliches
DGUV Information 203-006: Inhalt, Pflichten und Fremdfirmen-Haftung
Grundlagen der Arbeitssicherheit, Rechtliches
VEFK: Grundlagen, Aufgaben & Bestellurkunde erklärt
Dokumentieren, Grundlagen der Arbeitssicherheit, Rechtliches
VEFK Doppelfunktion: Was die DGUV wirklich fordert
Grundlagen der Arbeitssicherheit

