Elektrische Gefährdungen: Ursachen und Folgen von Stromunfällen

Elektriker mit Bohrmaschine und angerissenem Kabel – Warnung vor elektrischen Gefährdungen durch freiliegende Drähte
Veröffentlicht in   Grundlagen der Arbeitssicherheit am 02/12/2024 von     Markus Kreuels ,
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Elektrische Gefährdungen

Elektrische Gefährdungen zählen zu den unterschätztesten Risiken im Betrieb und im Alltag – unsichtbar, geruchlos und oft erst spürbar, wenn es zu spät ist. Dieser Beitrag zeigt Ihnen die Ursachen, die möglichen Folgen und die wirksamen Schutzmaßnahmen gegen elektrische Gefährdungen.

Elektrische Gefährdungen – ein Risiko, das man nicht sieht

Elektrische Gefährdungen sind im Alltag allgegenwärtig – im Haushalt, im Büro, in der Werkstatt und ganz besonders in der betrieblichen Praxis. Anders als bei vielen anderen Gefahrenquellen sieht, riecht und hört man elektrischen Strom nicht. Genau das macht ihn so gefährlich: Die Bedrohung bleibt unsichtbar, bis ein Kontakt entsteht – und dann kann es sehr schnell sehr ernst werden. Als Elektromeister und verantwortliche Elektrofachkraft begegnen mir elektrische Gefährdungen seit über 30 Jahren in der betrieblichen Praxis, und ich kann Ihnen aus Erfahrung sagen: Die meisten Stromunfälle sind vermeidbar, wenn Ursachen bekannt und Schutzmaßnahmen konsequent umgesetzt sind.

In diesem Beitrag erfahren Sie, wie elektrische Gefährdungen entstehen, welche Folgen ein Stromschlag haben kann, was die rechtlichen Grundlagen für den Arbeitsschutz sind und mit welchen konkreten Maßnahmen Sie sich und Ihre Mitarbeiter wirksam schützen.

Kernaussage

Die zwei elektrischen Primärgefährdungen sind die Körperdurchströmung (elektrischer Schlag) und der Störlichtbogen. Beide können einzeln oder gemeinsam auftreten – welche Gefährdung dominiert, hängt von der Höhe der Spannung ab.

Wie entstehen elektrische Gefährdungen? Die häufigsten Ursachen

Ein Stromunfall passiert, wenn elektrischer Strom durch den menschlichen Körper fließt. Das geschieht typischerweise in folgenden Situationen:

  • Defekte Geräte oder Leitungen berühren: Ein beschädigtes Kabel, eine lockere Klemme oder ein defekter Schalter reichen aus, um eine elektrische Gefährdung entstehen zu lassen.
  • Kontakt mit unter Spannung stehenden Teilen: Offene Sicherungskästen, freiliegende Leitungen oder defekte Steckdosen sind klassische Gefahrenquellen.
  • Berühren spannungsführender metallischer Gegenstände: Etwa ein Heizkörper, der durch einen defekten Isolator unter Spannung steht.
  • Kontakt mit Freileitungen: Freileitungen führen hohe Spannungen und verursachen im Ernstfall schwere Verbrennungen und Stromschläge.

Hinzu kommt der Faktor Mensch: Unachtsamkeit und falsches Verhalten sind eine der häufigsten Ursachen für elektrische Gefährdungen im Alltag. Dazu zählen etwa das Hantieren mit nassen Händen an elektrischen Geräten, das Aufsuchen von Schutz unter Bäumen bei Gewitter oder Reparaturversuche ohne elektrotechnische Fachkenntnis.

Wichtig

Eine erhöhte elektrische Gefährdung liegt in Bereichen mit begrenzter Bewegungsfreiheit vor – etwa bei räumlicher Enge, Zwangshaltung oder in leitfähiger, feuchter Umgebung. Diese Situationen erfordern besondere Schutzmaßnahmen und müssen in der Gefährdungsbeurteilung gesondert berücksichtigt werden.

Ab wann wird Strom gefährlich? Stromstärke und Wirkung auf den Körper

Nicht die Spannung allein entscheidet über die Gefahr, sondern die Stromstärke, die tatsächlich durch den Körper fließt – abhängig von Spannung und Körperwiderstand. Grobe Richtwerte für Wechselstrom (50 Hz) zeigt die folgende Tabelle:

Stromstärke Mögliche Wirkung
1–5 mA Erstes spürbares Kribbeln, leichter Reiz
ab 8–10 mA Loslassschwelle: Muskelkrämpfe, Festhalten am stromführenden Teil wird möglich
ab 25 mA Herzrhythmusstörungen möglich
30–50 mA Atemstillstand durch Verkrampfung der Atemmuskulatur möglich
über 50 mA Hohe Wahrscheinlichkeit für Herzkammerflimmern und Herzstillstand

Werte sind grobe Richtwerte für haushaltsübliche Wechselspannung. Individuelle Faktoren wie Hautfeuchtigkeit, Kontaktfläche, Einwirkdauer und Konstitution beeinflussen das tatsächliche Risiko erheblich – bereits deutlich niedrigere Werte können im Einzelfall gefährlich sein.

Welche Folgen kann ein Stromschlag haben?

Fließt elektrischer Strom durch den Körper, hängt das Ausmaß der Schädigung von Stromstärke, Spannung, Einwirkdauer und dem Weg des Stroms durch den Körper ab. Mögliche Folgen elektrischer Gefährdungen sind:

  • Muskelkrämpfe: Unkontrollierbare Muskelkontraktionen können dazu führen, dass der stromführende Gegenstand nicht mehr losgelassen werden kann.
  • Herzrhythmusstörungen: Der Strom kann das Herz aus dem Takt bringen – im schlimmsten Fall bis zum Herzstillstand.
  • Verbrennungen: Durch den Stromfluss entstehende Wärme kann Haut und tieferliegendes Gewebe schädigen, bei Hochspannung auch innere Verbrennungen verursachen.
  • Nervenschäden: Geschädigte Nervenbahnen können zu Lähmungen oder Sensibilitätsstörungen führen.
  • Tod: In schweren Fällen endet ein Stromschlag tödlich.

Besonders tückisch: Die schwersten Schäden sind nicht immer sofort spürbar. Strom kann den Elektrolythaushalt des Körpers verschieben, wodurch sich die Herzfunktion über Stunden hinweg destabilisieren kann. Deshalb gehört nach jedem Stromunfall eine ärztliche Untersuchung dazu – auch wenn die betroffene Person sich augenscheinlich wohlfühlt.

Rechtliche Grundlagen: Wer muss elektrische Gefährdungen beurteilen?

Der Umgang mit elektrischen Gefährdungen ist kein freiwilliges Thema, sondern gesetzlich geregelt. Die zentralen Grundlagen im Überblick:

Regelwerk Was es fordert
§5 ArbSchG Gefährdungsbeurteilung für alle Arbeitsbedingungen, inklusive elektrischer Gefährdungen
DGUV Vorschrift 3 Sicherer Betrieb elektrischer Anlagen und Betriebsmittel, Prüfpflichten
BetrSichV / TRBS Anforderungen an Bereitstellung und Benutzung von Arbeitsmitteln
DIN VDE 0105-100 Sicherer Betrieb elektrischer Anlagen im praktischen Arbeitsalltag

Verantwortlich ist zunächst der Unternehmer selbst. In der Praxis delegiert er die elektrotechnische Organisation meist an eine verantwortliche Elektrofachkraft (VEFK), die auf Basis einer aktuellen Gefährdungsbeurteilung Elektrotechnik die notwendigen Schutzmaßnahmen festlegt, dokumentiert und überwacht.

Praxistipp

Ohne aktuelle Gefährdungsbeurteilung ist keine normkonforme Schutzmaßnahme möglich – Sie können nur vor Gefährdungen schützen, die Sie zuvor systematisch identifiziert haben. Auch die Betriebsanweisung und die Prüfung nach DGUV Vorschrift 3 bauen darauf auf.

Wie schützt man sich vor elektrischen Gefährdungen?

Es gibt eine ganze Reihe von Maßnahmen, mit denen sich das Risiko elektrischer Gefährdungen deutlich reduzieren lässt:

  • Die 5 Sicherheitsregeln beachten: Freischalten, gegen Wiedereinschalten sichern, Spannungsfreiheit feststellen, erden und kurzschließen, benachbarte unter Spannung stehende Teile abdecken oder abschranken. Mehr dazu in meinem Beitrag zu den 5 Sicherheitsregeln der Elektrotechnik.
  • Defekte Geräte und Leitungen sofort außer Betrieb nehmen: Beschädigte Kabel, lockere Klemmen oder defekte Schalter sind kein "Kann man noch benutzen" – sie gehören sofort zur Reparatur.
  • RCD (Fehlerstromschutzschalter) einsetzen: Ein RCD unterbricht den Stromkreis im Bruchteil einer Sekunde, sobald ein Fehlerstrom auftritt – ein wirksamer Lebensretter.
  • Regelmäßige Prüfungen durchführen: Elektrische Anlagen und Betriebsmittel gehören in feste Prüfintervalle, damit Gefahrenquellen frühzeitig erkannt werden.
  • Qualifikation sicherstellen: Arbeiten an elektrischen Anlagen gehören ausschließlich in die Hände von Elektrofachkräften – niemals in Eigenregie ohne Fachkenntnis.

Im Betrieb gilt zusätzlich das STOP-Prinzip als Rangfolge der Schutzmaßnahmen: Substitution vor technischen, organisatorischen und zuletzt persönlichen Schutzmaßnahmen. Wer ein Prüfprotokoll für seine Anlagenprüfungen nach DIN VDE 0105-100 sucht, findet dazu eine praxiserprobte Vorlage in meinem Prüfprotokoll-Dokument.

Ein Baustein wird dabei häufig unterschätzt: Nicht nur die 5 Sicherheitsregeln schützen vor elektrischen Gefährdungen, sondern genauso die regelmäßige und dokumentierte Unterweisung Ihrer Mitarbeiter. Das ist keine Kür, sondern nach §12 ArbSchG und DGUV Vorschrift 3 Pflicht des Arbeitgebers – mindestens einmal jährlich, bei neuen Mitarbeitern sowie nach Änderungen an Anlagen oder Arbeitsverfahren sofort. Rechtlich gilt dabei: Was nicht schriftlich nachgewiesen ist, gilt im Ernstfall als nicht durchgeführt. Eine rechtssichere Vorlage für den Nachweis finden Sie in meinem Unterweisungsnachweis.

Erste Hilfe bei einem Stromunfall

Kommt es trotz aller Schutzmaßnahmen zu einem Stromunfall, zählt jede Sekunde – aber der Eigenschutz geht immer vor:

  1. Eigenschutz an erster Stelle: Nähern Sie sich der betroffenen Person nicht, solange die Stromquelle nicht abgeschaltet ist – auch nicht mit vermeintlich isolierenden Hilfsmitteln.
  2. Stromkreis unterbrechen: Sicherung ausschalten, Stecker ziehen oder Hauptschalter betätigen – nur wenn dies gefahrlos möglich ist.
  3. Bei Hochspannungsanlagen: Sicherheitsabstand von mindestens 5 Metern einhalten und ausschließlich Fachpersonal die Stromversorgung unterbrechen lassen.
  4. Notruf 112 wählen und ausdrücklich mitteilen, dass es sich um einen Stromunfall handelt.
  5. Erste Hilfe leisten, sobald die Gefahrenquelle sicher abgeschaltet ist: Ansprechbarkeit und Atmung prüfen, ggf. stabile Seitenlage oder Reanimation.
Wichtig

Auch bei Niederspannungsunfällen ohne sichtbare Verletzung gehört eine betroffene Person zur ärztlichen Abklärung – Herzrhythmusstörungen können sich erst Stunden später zeigen.

Die größten No-Gos im Umgang mit Elektrizität

  • Arbeiten an elektrischen Anlagen ohne Fachkenntnisse: Reparaturen und Installationen gehören ausschließlich in die Hände qualifizierter Elektrofachkräfte.
  • Sicherheitsvorkehrungen ignorieren: Die 5 Sicherheitsregeln, persönliche Schutzausrüstung und regelmäßige Prüfungen dienen dem eigenen Schutz – sie sind keine Formalie.
  • Defekte Geräte weiter verwenden: Flackerndes Licht, knisternde Geräusche oder ein unangenehmer Geruch sind klare Warnsignale.
  • Elektrizität und Wasser mischen: Niemals mit nassen Händen an elektrischen Geräten hantieren.

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Häufige Fragen zu elektrischen Gefährdungen

Was versteht man unter elektrischen Gefährdungen?
Elektrische Gefährdungen sind alle Risiken, die von stromführenden Leitungen und Anlagenteilen ausgehen. Die zwei elektrischen Primärgefährdungen sind die Körperdurchströmung (elektrischer Schlag) und der Störlichtbogen. Beide können zu schweren Verletzungen oder zum Tod führen.
Welche Arten von elektrischen Gefährdungen gibt es?
Neben der Körperdurchströmung und dem Störlichtbogen zählen dazu Gefährdungen durch defekte Geräte oder Leitungen, freiliegende spannungsführende Teile, Freileitungen sowie statische Elektrizität. Auch Verhaltensfehler wie das Hantieren mit nassen Händen zählen zu den häufigen Auslösern.
Ab welcher Stromstärke ist ein Stromschlag gefährlich?
Bereits ab etwa 8 bis 10 mA können Muskelkrämpfe auftreten, die ein Loslassen unmöglich machen. Ab 25 mA sind Herzrhythmusstörungen möglich, ab 30 bis 50 mA droht Atemstillstand, und über 50 mA steigt die Gefahr von Herzkammerflimmern und Herzstillstand deutlich. Entscheidend ist dabei nicht die Spannung allein, sondern die tatsächlich durch den Körper fließende Stromstärke.
Was sind die häufigsten Ursachen für Stromunfälle?
Die häufigsten Ursachen sind defekte Geräte oder Leitungen, der Kontakt mit unter Spannung stehenden Teilen, unsachgemäße Reparaturen ohne Fachkenntnis sowie das Hantieren mit nassen Händen an elektrischen Geräten. Auch die Missachtung der 5 Sicherheitsregeln zählt zu den häufigsten Ursachen in Betrieben.
Was tun bei einem Stromunfall – wie leiste ich Erste Hilfe?
Zuerst auf den Eigenschutz achten und die Stromquelle abschalten, ohne die betroffene Person direkt zu berühren. Danach den Notruf 112 wählen und ausdrücklich "Stromunfall" melden. Bei Hochspannungsanlagen mindestens 5 Meter Abstand halten und ausschließlich Fachpersonal den Strom abschalten lassen. Erst nach gesicherter Stromfreiheit darf mit der Ersten Hilfe begonnen werden.
Wer ist für die Gefährdungsbeurteilung elektrischer Gefährdungen verantwortlich?
Verantwortlich ist zunächst der Unternehmer nach §5 ArbSchG. In der Praxis wird diese Aufgabe meist an eine verantwortliche Elektrofachkraft (VEFK) delegiert, die die elektrischen Gefährdungen systematisch identifiziert, bewertet und die notwendigen Schutzmaßnahmen festlegt und dokumentiert.
Wie kann ich mich im Betrieb vor elektrischen Gefährdungen schützen?
Wirksame Schutzmaßnahmen sind die konsequente Einhaltung der 5 Sicherheitsregeln, der Einsatz von RCD-Schutzschaltern, die sofortige Außerbetriebnahme defekter Geräte, regelmäßige Prüfungen elektrischer Anlagen sowie jährliche Unterweisungen der Mitarbeiter. Grundlage ist immer eine aktuelle Gefährdungsbeurteilung Elektrotechnik.

Haben Sie noch Fragen zum Thema elektrische Gefährdungen oder eine konkrete Situation aus Ihrem Betrieb, die Sie beschäftigt? Schreiben Sie sie gerne in die Kommentare – ich beantworte sie so praxisnah wie möglich.

Jens, VEFK-Mentor
Jens erklärt
Jens, VEFK-Mentor

Stellen Sie sich vor, Sie fahren im Winter über eine Straße, die völlig normal aussieht – trocken, unauffällig, harmlos. Doch unter der Oberfläche liegt Blitzeis: unsichtbar, bis das Auto plötzlich die Kontrolle verliert. Genau so verhalten sich elektrische Gefährdungen. Eine Leitung, ein Gehäuse, ein Schalter – alles sieht aus wie immer. Ob darunter Spannung liegt, sehen Sie nicht. Deshalb hilft im Umgang mit Strom kein Bauchgefühl, sondern nur die konsequente Anwendung der 5 Sicherheitsregeln – so wie ein umsichtiger Fahrer im Winter grundsätzlich mit Glätte rechnet, auch wenn die Straße trocken aussieht.

Wer Jens ist? Hier stellt er sich kurz vor – und praktische Werkzeuge finden Sie unter Sicherheits-Tools.

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Über den Autor Markus Kreuels Elektromeister & VEFK · Kreuels Consulting, Ostrhauderfehn

Mit mehr als 30 Jahren Berufserfahrung als Elektromeister und verantwortliche Elektrofachkraft (VEFK) habe ich mich auf die Arbeitssicherheit in der Elektrotechnik spezialisiert. Mein Ziel ist es, durch fundiertes Fachwissen und praxisnahe Lösungen die Elektrosicherheit in Unternehmen nachhaltig zu verbessern – ich übersetze Normendeutsch in verständliche Handlungsanweisungen, die jeder Unternehmer sofort umsetzen kann.


Elektromeister seit 1991 Zertifizierte VEFK seit 2018 DGUV Vorschrift 3 BetrSichV / TRBS Gefährdungsbeurteilung Elektro-Arbeitssicherheit

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